Gründerinnen auf der Überholspur – 19.03.2016

19.03.2016

Während im vergangenen Jahr erneut mehr als die Hälfte aller Tiroler Unternehmen von Frauen gegründet wurden, ist der Anteil der Geschäftsführerinnen nach wie vor gering.

Von Carina Engel

Innsbruck, Wien – Immer mehr Tirolerinnen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und gründen ein eigenes Unternehmen. Auch im vergangenen Jahr wurden mehr als die Hälfte aller neugegründeten Tiroler Betriebe von Frauen auf die Beine gestellt – ein Trend, der sich bereits seit dem Jahr 2011 beobachten lässt und seitdem anhält. Dabei sind viele Gründerinnen nach wie vor mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert. Bei der Wirtschaftskammer Wien (WKW) ortet man etwa Benachteiligungen bei der Kreditvergabe: Demnach würden Frauen mit den gleichenVoraussetzungen wie männliche Gründer seltener Bankkredite für die Unternehmensgründung erhalten, berichtet Petra Gregorits, WKW-Vorsitzende der Frau in der Wirtschaft, bei einer Veranstaltung vor einigen Wochen in der Bundeshauptstadt.

Auch in Tirol sei eine solche Benachteiligung nicht auszuschließen, meint Martina Entner, Landesvorsitzende von „Frau in der Wirtschaft“ in der WK Tirol. „Ich kann mir schon vorstellen, dass auch hierzulande bei Frauen doppelt nachgefragt wird, ob sie einen Kredit bekommen.“ Zentraler Grund sei die Frage nach der Familienplanung – diese schwinge nicht nur bei Gesprächen zu Beförderungen oder Anstellungen immer mit, sondern sei auch für Geldgeber relevant. „Es stellt sich natürlich immer die Frage, was passiert, wenn die Frau Mutter werden will und dann im Unternehmen ausfällt“, erklärt Entner und nennt damit gleich ein weiteres Problem, mit dem Unternehmerinnen häufig zu kämpfen haben: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Flächendeckende, ganzjährige und ganztägige sowie qualitativ hochwertige Kinderbetreuung sei dafür die notwendige Grundvoraussetzung. „Wenn diese einmal gegeben ist, dann wären wir einen großen Schritt weiter und viele Probleme der Vereinbarkeit wären gelöst“, pocht Entner auf einen entsprechenden Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen. Profitieren könnten davon vor allem Frauen im Alter von 30 bis 40 Jahren, bei denen die Entscheidung zwischen Familie und Beruf besonders häufig im Vordergrund steht, und damit genau jene Altersgruppe, die im vergangenen Jahr unter allen weiblichen Gründerinnen die größte Anzahl an neuen Unternehmen hervorbrachte. Im Schnitt gründeten die Tirolerinnen mit rund 41 Jahren.

Fast jede fünfte Gründerin war allerdings noch jünger als 30. Bianca Gfrei ist eine von ihnen. Vor drei Jahren gründete die Tirolerin das Start-up Kiweno, das Nahrungsmittel­unverträglichkeitstest anbietet, die von zuhause aus gemacht werden können. Die Idee dazu entstand aus eigener Betroffenheit, die Finanzierung stemmte sie aus eigenen Mitteln, ohne öffentliche Förderungen. Mittlerweile zählt die 26-jährige Unternehmerin mit Innsbruck, Wien und München bereits drei Standorte und 26 Mitarbeiter. Benachteiligt fühlt sie sich
als Frau inmitten der männerdominierten Tech-Start-up-Szene zwar nicht, dennoch „musste ich sehr oft über meinen eigenen Schatten springen und Chancen annehmen, für die ich mich gar nicht so bereit gefühlt habe, die sich im Endeffekt aber immer rentiert haben“, bilanziert Gfrei. Laut ihrer Einschätzung sind es vor allem weibliche Vorbilder, die in vielen Branchen nach wie vor fehlen.
Ein Problem, das für nachfolgende Generationen nicht mehr bestehen dürfte, glaubt WK-FrauensprecherinEntner: „Vor dreißig Jahren war eine Unternehmensgründung für Frauen noch kein Thema, da war die Frau höchstens Mitunternehmerin an der Seite des Mannes. Da hat sich heute gesellschaftlich sehr, sehr viel geändert.“
Doch obwohl Frauen bei den Unternehmensgründungen mittlerweile die Nase vorn haben, ist der Anteil der weiblichen Geschäftsführerinnen
und Aufsichtsrätinnen in Tirol mit 16 Prozent nach wie vor gering. Eine von ihnen ist Felicitas Kohler, Chefin des Vomper Unternehmens Planlicht, das Licht- & Leuchtensysteme produziert und rund 160 Mitarbeiter beschäftigt. Im TT-Gespräch rät Kohler angehenden Gründerinnen und Geschäftsführerinnen vor allem, an sich selbst zu glauben: „Die Ängste überwinden, den Mut haben und dann einfach machen! Das alles kann eine Frau zu 100 Prozent gleich gut wie ein Mann.“

Gründerinnen

Neugründungen:
2015 wurden in Tirol 2316 Firmen neu gegründet, 1203 davon von Frauen. Im Schnitt waren die Gründer dabei rund 39 Jahre alt, wobei Männer mit 37 Jahren unter- und Frauen mit 41 Jahren überdurchschnittlich abschneiden. Die Gruppe der 30- bis 40-jährigen Frauen konnte im Vergleich zu den anderen Altersgruppen am meisten Neugründungen verzeichnen, dicht gefolgt von jener der 40- bis 50-Jährigen.

Branchen:
Insgesamt zählt die WK Tirol derzeit rund 11.800 Unternehmerinnen. Diese decken zu 42% die Branche Gewerbe und Handwerk ab und machen über ein Drittel der Tourismus- und Freizeitbranche sowie der Handelssparte aus. Im Bereich der Information & Consulting beträgt der Frauenanteil rund 24%. Den geringsten Anteil von weiblichen Gründerinnen verzeichnen die Sparten Transport und Verkehr mit 14%, die Industrie mit 5% sowie der Bereich der Banken und Versicherungen – hier gab es keine einzige Gründerin.

Tiroler Tageszeitung

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